CB1300-Geschichte – Teil 1/4: Wie PROJECT BIG-1 entstand



  • CB1300-Geschichte – Teil 1/4: Wie PROJECT BIG-1 entstand

    Hallo zusammen,

    ich möchte euch in vier Teilen mit auf eine Reise durch die Geschichte unserer großen CB nehmen. Es geht um die Menschen hinter PROJECT BIG-1, die technischen Entwicklungsschritte und die Frage, warum Honda dieses Motorrad genau so gebaut hat. Den Anfang machen die Idee und ihre erste große Serienumsetzung: die CB1000 Super Four.

    Eine CB1300 lässt sich mit Zahlen beschreiben: Hubraum, Leistung, Radstand, Gewicht. Ihre Entstehung versteht man jedoch erst, wenn man die Menschen und Gedanken dahinter kennt. Die Entwickler wollten ein Motorrad bauen, dessen Anblick ebenso begeistert wie sein Motor. Eines, das schon beim Aufsitzen Größe und Kraft vermittelt und dessen Reserven auf einer gewöhnlichen Landstraße erlebbar werden. Diese Verbindung von Erscheinung, Fahrgefühl und persönlicher Bindung war von Anfang an Bestandteil von PROJECT BIG-1. [1, 2]


    Die Geschichte führt deshalb weit hinter das Erscheinungsjahr der ersten CB1300 zurück. Sie beginnt mit der Frage, welche Rolle eine große, unverkleidete CB im Honda-Programm der kommenden Jahre spielen sollte. Die Antwort entstand aus der Begeisterung von Mitarbeitern, die selbst mit den großen Honda-Motorrädern ihrer Jugend aufgewachsen waren. [3]


    Die Wurzeln reichen bis zur CB750 Four von 1969. In den ursprünglichen Entwicklungsunterlagen zur CB1000 nennt Honda eine Reihe großer Vorbilder: CB750 Four, CB900F, CBX und CB1100R. Sie verkörperten Leistung, technische Ambition und eine deutlich erkennbare Identität. Die CBX hatte dabei einen Reihensechszylinder; sie gehört als emotionales Vorbild in diese Geschichte, nicht als unmittelbare Vierzylinder-Motorbasis. [1]


    Ende der 1980er war Hondas Angebot großer Sportmotorräder stark von verkleideten Maschinen wie CBR1000F und VFR750F geprägt. Innerhalb der Entwicklung entstand der Wunsch nach einem neuen, unverkleideten CB-Flaggschiff. Honda datiert den Beginn dieser zunächst eigenständigen Initiative auf 1989. Die Beteiligten arbeiteten anfangs noch ohne den Status eines offiziell genehmigten Entwicklungsteams. [3]


    Eine Skizze gab der Idee eine Form. Designer Toshiaki Kishi verband in einem frühen Entwurf das Fahrwerk beziehungsweise die Gestalt einer CB-1 mit einem Tank im Stil der CB1100R. Designverantwortlicher Koji Nakano erkannte das Potenzial und unterstützte weitere Entwürfe für ein großes Motorrad auf Grundlage des CBR1000F-Motors. Ein Tonmodell wurde bewusst an einem gut sichtbaren Platz im Designbereich aufgebaut, damit andere Mitarbeiter die Idee sehen konnten. [4]


    Doch die interne Zustimmung reichte zunächst nicht. Aus Vertriebssicht schien ein Motorrad mit zwei herkömmlichen hinteren Federbeinen und ohne herausragende neue Technik für die wichtigen Auslandsmärkte wenig erfolgversprechend. Das Projekt wurde abgelehnt. Kishi berichtet im späteren Honda-Interview, dass das Team sein Modell dennoch nicht entsorgte, sondern in einem kleinen Raum aufbewahrte und weiterbearbeitete. Auch der frühe Arbeitsname „Diablo“ fällt in diesen Erinnerungen. [4]


    Der Weg zur Serie führte über die Begeisterung des Publikums. Die CB400 Super Four war bereits für die Produktion vorgesehen. Unter dem Vorzeichen, deren Markenbild zu stärken, konnte Honda das große BIG-1-Konzept 1991 auf der 29. Tokyo Motor Show zeigen. Die starke Resonanz der Besucher gab der CB1000 den entscheidenden Rückenwind für die Serienentwicklung. [3]

    Die Personen hinter dieser Entwicklung waren über mehrere Generationen hinweg beteiligt. Toshiaki Kishi gestaltete die CB1000 von 1992 und die CB1300 von 2003. Kunitaka Hara leitete die Entwicklung der großen Modelle von 1992, 1998 und 2003 und war auch für die X4 verantwortlich. Tetsuya Kudo prägte später die Gesamtfahrzeugabstimmung ab dem Modell von 2005. Die Geschichte ist dadurch auch eine Geschichte langfristiger Erfahrung innerhalb eines Teams. [4, 5]


    PROJECT BIG-1 bekam drei feste Grundsätze. Das Factbook von 1992 nennt einen wassergekühlten Viertakt-Reihenvierzylinder mit zwei obenliegenden Nockenwellen, eine ausdrücklich als „sexy & wild“ beschriebene Erscheinung und Fahreigenschaften, die das Herz des Fahrers erreichen. Der Name BIG-1 bezog sich auf überragende Präsenz und Ausstrahlung sowie auf den Anspruch, für den Besitzer die persönliche Nummer eins zu sein. [1]


    Das japanische Wort 感動性能 lässt sich sinngemäß als emotional begeisternde Leistungs- und Erlebnisqualität verstehen. Es umfasst mehr als die Höchstleistung. Auch der Blick auf den Tank, die Sitzposition, die Reaktion auf den Gasgriff und die Freude beim Pflegen der Maschine gehören dazu. Für die spätere CB1300 fasste Honda diese Gedanken in fünf Entwicklungsziele: Freude am Besitz, Begeisterung beim Aufsitzen, druckvolles Fahren, spürbare Reserven und Freude am Beherrschen der Maschine. [2, 6]


    Schon das Designverfahren der CB1000 war ungewöhnlich. Honda beschreibt in den damaligen Unterlagen eine Arbeit, die teilweise eher an Bildhauerei als an eine streng nacheinander abgearbeitete technische Konstruktion erinnert. Motor und 18-Zoll-Räder wurden im Raum angeordnet; darum herum entwickelte das Team die Gestalt des Tanks und der übrigen Bauteile. Die gewünschte Wirkung des Motorrads spielte bei der Festlegung seiner Proportionen eine zentrale Rolle. [7]


    Der Serienentwurf erhielt einen langen Radstand von 1.540 Millimetern und 18-Zoll-Räder vorn und hinten. Seine Größe war damit eine bewusste gestalterische Entscheidung. Der voluminöse Tank, der sichtbare Vierzylinder und das angehobene Heck sollten zusammen eine kraftvolle, in sich stimmige Form ergeben. Honda wollte ein Motorrad schaffen, das bereits im Stand einen eigenen Charakter erkennen ließ. [7]


    1992 wurde aus BIG-1 ein Serienmotorrad. Die CB400 Super Four kam in Japan zuerst: Honda kündigte sie am 27. März an und begann den Verkauf der einfarbigen Ausführungen am 23. April 1992. Die zweifarbigen Modelle folgten im Juni. Die große CB1000 Super Four wurde am 10. November angekündigt und ab dem 24. November 1992 verkauft. Damit gehört die 400er zur gemeinsamen Konzeptgeschichte, während die 1000er die direkte Modellvorfahrin der CB1300 ist. [8, 9]


    Der 998-cm³-Motor der CB1000 basierte auf der CBR1000F. Für die neue Aufgabe wurden unter anderem Ventilsteuerzeiten und Ansaugung angepasst. Honda legte Wert auf kräftiges Ansprechen im unteren und mittleren Drehzahlbereich. Die japanische Ausführung leistete 93 PS bei 8.500 U/min. Ein eigens ausgelegtes Fünfganggetriebe ersetzte das Sechsganggetriebe des Ausgangsmodells. [10]

    Das technische Konzept lässt die Prioritäten erkennen: Der Fahrer sollte den großen Motor häufig und selbstverständlich nutzen können. Gut dosierbarer Durchzug und entspannte Fahrt gehörten ebenso zum Entwicklungsauftrag wie lebhafte Beschleunigung. Auch die sichtbaren Motordeckel, Oberflächen und der Klang der Auspuffanlage wurden auf die Wirkung eines unverkleideten Flaggschiffs abgestimmt. [10]


    1994 erweiterte Honda das Angebot um die CB1000 Super Four T2. Sie kombinierte eine kleine Verkleidung mit einer weitgehend schwarzen Gestaltung. Ihr japanischer Verkaufsbeginn war der 7. Juli 1994. Damit bekam die BIG-1-Familie bereits früh eine Variante mit zusätzlichem Windschutz. [11]

    Die Stationen dieses Teils

    • 1989: Beginn der zunächst inoffiziellen Arbeit am neuen großen CB-Konzept. [3]
    • 1991: BIG-1-Vorstellung auf der 29. Tokyo Motor Show. [3]
    • April 1992: Verkaufsstart der ersten CB400-Super-Four-Ausführungen. [8]
    • November 1992: Japanischer Verkaufsstart der CB1000 Super Four. [9]
    • Juli 1994: CB1000 Super Four T2 ergänzt das Angebot. [11]
    • 1997: X4 als Motorbasis; CB1300-Messepremiere in Tokio. [12, 13]

    Im nächsten Teil: Warum aus der CB1000 eine 1300er wurde – und welche Rolle die X4 dabei spielte.

    Quellen und redaktionelle Einordnung

    Dieser Teil fasst Honda-Factbooks, zeitgenössische Mitteilungen und spätere Entwicklergespräche zusammen. Die Erinnerungen an Skizzen, interne Ablehnung und das aufbewahrte Tonmodell stammen aus Hondas rückblickender Darstellung. Japanische Texte sind sinngemäß wiedergegeben; es handelt sich um einen eigenständig zusammengestellten Forumsbeitrag, nicht um einen offiziellen Honda-Text. Die genannten Verkaufsdaten und Leistungswerte beziehen sich auf Japan. Die Herstellerquellen spiegeln Hondas eigene Perspektive wider.

    Quellenstand der Ausgangsfassung: 2. Oktober 2026. Für diese Forumsserie am 3. Oktober 2026 neu gegliedert. Die Quellen wurden bei dieser Bearbeitung nicht erneut inhaltlich geprüft. Die Nummerierung gilt nur innerhalb dieses Beitrags.

    [1] Honda, CB1000-Factbook 1992: Entwicklungsziele und PROJECT BIG-1

    [2] Honda, CB1300-Factbook 1998: Fünf emotionale Entwicklungsziele

    [3] Honda CB Stories: Entstehung der CB1000 Super Four

    [4] Honda: BIG-1-Entwicklergespräch, erster Teil

    [5] Honda: BIG-1-Entwicklergespräch, zweiter Teil

    [6] Honda, CB1300-Factbook 1998: Marktumfeld und Zielsetzung

    [7] Honda, CB1000-Factbook 1992: Stylingkonzept

    [8] Honda: Einführung der CB400 Super Four, 27. März 1992

    [9] Honda: Einführung der CB1000 Super Four, 10. November 1992

    [10] Honda, CB1000-Factbook 1992: Motor und Antrieb

    [11] Honda: CB1000 Super Four und T2, 28. Juni 1994

    [12] Honda CB Stories: Erste CB1300-Generation

    [13] Honda: Einführung der CB1300 Super Four, 10. Februar 1998

    Wir können die Zeit nicht anhalten. Aber wir können sie schöner verfahren.

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